Corona | Leiter des Gesundheitsamtes mitten in der Pandemie aufs Abstellgleis geschickt?

Dr. Anke Jobmann, Harburgs Dezernentin  für Soziales, Jugend und Gesundheit, betritt am Mittwochmorgen das Harburger Gesundheitsamt auf dem Weg zu einer Besprechung. | Foto: Niels Kreller

Harburg. „In der Krise beweist sich der Charakter“, hat Helmut Schmidt einmal gesagt. In Harburg wurde nun der Leiter des Gesundheitsamtes, Dr. Robert Wegner, durch das Bezirksamt für die Monate April und Mai aufs Abstellgleis geschickt. Angeblich, so wird gesagt, solle er seine Überstunden abbummeln. Fragt man diejenigen außerhalb des Bezirksamtes, mit ihm zu tun hatten, dann hört man, dass es vielleicht eher daran liegt, dass Wegner, wenn zum Beispiel schnell eine Entscheidung getroffen werden musste, nicht immer den Dienstweg eingehalten hat, sondern eben entschieden hat. Unbürokratisch, umtriebig, unkonventionell, pragmatisch und auch mal unbequem, ein Problemlöser - so wird Wegner von vielen beschrieben.

CDU brachte mit Anfrage den Stein ins Rollen

Das der Chef einer Gesundheits-Einrichtung in Zeiten einer Pandemie Überstunden abbummeln soll, ist als Begründung eh schon abenteuerlich und wirft Fragen auf, denen sich die Zuständigen im Bezirksamt, an erster Stelle Bezirksamtsleiterin Sophie Fredenhagen und Dr. Anke Jobmann (Dezernentin für Soziales, Jugend und Gesundheit), werden stellen müssen. Zumindest hat dies die CDU-Fraktion in der Bezirksversammlung vor, die den Vorfall mit ihrer Anfrage an die Öffentlichkeit brachte. Und deren Chef Ralf-Dieter Fischer spart nicht mit Kritik an der Entscheidung. „Ich habe es im ersten Moment gar nicht geglaubt. Es ist abenteuerlich, was sich die gesamte Spitze des Bezirksamtes hier leistet“, so Fischer gegenüber besser-im-blick.

Er bestätigt das Bild, dass viele von Wegner zeichnen: „Dr. Wegner zeichnet sich in meinen Augen dadurch aus, dass er handelt, wenn etwas gemacht werden muss und er nimmt keine Rücksicht auf den Dienstweg, wenn es mal schnell gehen muss und er dann auch mal unbürokratische Entscheidungen und Maßnahmen trifft. Das ist in diesen Zeiten zum Schutz der Bürger vielleicht auch nötig.“ Dass es von Montag auf Dienstag keine neuen mit Corona Infizierten im Bezirk Harburg gegeben hatte, führt Fischer auch auf die unbürokratische Weise zurück, mit der Wegner das Gesundheitsamt leitete. „Wenn man formale Punkte hat dann möge man die doch bitte nach der Coronazeit angehen.“

Gute Zusammenarbeit mit anderen

Auch Harald Krüger, Vorsitzender des DRK Harburg, zeigt sich überrascht. „Wir können nicht beurteilen welche Gründe das Bezirksamt hat, aber wir haben mit Herrn Wegner gut zusammengearbeitet. Er hat unsere Fragen immer umgehen beantwortet.“ Das DRK Harburg, das im Bezirk mehrere hundert Abstriche täglich macht, ist auf eine gute Zusammenarbeit mit dem Gesundheitsamt angewiesen. „Wir nehmen an sieben Tagen die Woche Abstriche - also muss im Gesundheitsamt jemand auch an sieben Tage da sein und der Entscheidungen treffen kann. Zum Beispiel wo wann getestet wird, was hat aktuell Priorität?“, so Krüger.

Bezirksamt wiegelt ab

Transparenz scheint das Bezirksamt zumindest nicht im Sinn gehabt zu haben. Die Bezirksfraktionen wurden nicht über den Vorgang informiert. Auch die zuständige Fachbehörde ist dem Vernehmen nach von dem Vorfall wohl überrascht und ebenfalls nicht im Vorwege informiert worden.

Mittlerweile hat das Bezirksamt allerdings auf die Anfrage der CDU-Fraktion geantwortet (SPD-Fraktionschef Frank Richter verwies gegenüber besser-im-blick auf diese Antwort, so dass die davon ausgegangen werden kann, dass er sich diese zu eigen macht). Wegner sei nicht suspendiert, wie in der Anfrage behauptet, sondern: „Der Leiter des Gesundheitsamts im Bezirksamt Harburg hatte eine Abwesenheit im April und Mai bereits seit einigen Monaten geplant und seine Dienstvorgesetzten darüber informiert. Konkret hat er sich mit seinen Dienstvorgesetzten in der 14. KW darüber abgestimmt. Seit dem 3. April 2020 werden Mehrarbeitsstunden durch Freizeitausgleich ausgeglichen und im Anschluss Urlaubsansprüche aus dem Jahr 2019 eingesetzt.“

Zur Frage, ob dies mit Einverständnis Wegners erfolgt sei, antwortet das Amt: „Ja, die Modalitäten wurden mit ihm ausführlich und einvernehmlich in der 14. KW besprochen.“

War er einfach zu unbequem?

War Wegner also entscheidenden Personen Bezirksamt einfach zu unbequem? Oder nahm man ihm übel, dass er, wenn es drauf ankam nicht erst den manchmal sehr langen Dienstweg durch die Bürokratie genommen hatte und damit diesen Personen auf den Schlips getreten ist? Die CDU möchte den Vorfall zur Sache der Politik machen und in der Bezirksversammlung thematisieren. „Ich werde mich bemühen, gemeinsam mit den anderen Fraktionen eine gute Lösung zu finden“, so Fischer.

Auch weitere Fraktionen drängen auf Aufklärung. „Ich erwarte Transparenz vom Bezirksamt in dieser Angelegenheit“, so Linken-Fraktionschef Jörn Lohmann. „Im Moment höre ich unterschiedliche Begründungen. Aus meiner Zeit als Ausschussvorsitzender weiß ich seine Arbeit zu schätzen und gerade jetzt brauchen wir vielleicht jemanden, der unkonventionelle Wege geht um notwendige Entscheidungen schnell zu treffen“, so Lohmann weiter.

Auch FDP-Chefin Viktoria Ehlers sieht den Vorfall kritisch: „Die Bezirksamtsleitung und Herr Dr. Wegner hätten uns auf der letzten Hauptausschusssitzung informieren müssen, wenn die Abwesenheit des Leiters des Gesundheitsamtes tatsächlich schon seit langer Zeit geplant gewesen sein sollte. Da dies nicht erfolgte, bleibt ein großer Raum für Spekulationen zurück. Diese Unklarheit verunsichert nicht nur die Harburgerinnen und Harburger sowie alle Akteure des Harburger Gesundheitswesens, es stellt auch die Informationspflicht und das Vertrauen zwischen Bezirksverwaltung und Bezirkspolitik in Frage. Der ganze Vorfall muss aufgeklärt werden, damit das Vertrauen zwischen Bezirksamt und Bezirksversammlung wiederhergestellt ist.“

Stellvertretung soll es regeln

Anstelle Wegners soll das Gesundheitsamt durch Vertretung geleitet werden. Wie diese aber aussieht – die CDU schrieb von einer Teilzeitkraft -, ob sie ausreicht, um die Antwort drückt sich das Bezirksamt lieber herum. „Die Stellvertretung für die Fachamtsleitung ist wie in allen Bereichen der Verwaltung verbindlich geregelt. Der ggf. anfallende zeitliche Mehraufwand der Vertretung in dieser Krisensituation wird mit zur Verfügung stehenden personalwirtschaftlichen Instrumenten ausgeglichen“, so Bezirksamtsleiterin Sophie Fredenhagen, in deren Namen die Antwort ist.

Bleibt also zu hoffen, dass Corona in Harburg währenddessen nur noch dann ansteckend ist, wenn die Stellvertretung im Gesundheitsamt wie auch immer vor Ort ist.