Hagel verwüstet Heidenau - Tennisballgroße Hagelkörner sorgen für Katastrophe
Tostedt-Heidenau. "Die ersten Feuerwehrleute kamen gar nicht von ihren Häusern zu den Fahrzeugen", sagt Nils Renken. Der Sprecher der Feuerwehren der Samtgemeinde Tostedt steht an diesem Montagabend mitten in Heidenau. Um ihn herum: zerstörte Autos, durchschlagene Dächer, Straßen übersät mit Blättern. "Das Verlassen des Hauses war zu gefährlich", sagt er. Der Hagel sei zeitweise waagerecht gekommen. "Das steht bei uns im Norden für sehr schweren Sturm."
Kurz vor 19:50 Uhr gingen die ersten Meldungen über ein schweres Hagel-Unwetter bei der Einsatzleitzentrale im Winsener Kreishaus ein. Was dann folgte, hat Heidenau so noch nicht erlebt.
Die Straßen sind übersät mit Blättern, die kein Sturm vom Baum gerissen hat. Es ist Hagel. Die Bäume an der Einfahrt nach Heidenau stehen im Juli zum Teil kahl da. Annette Pantzchanes steht vor ihrem Haus und zeigt auf das Dach. Es hat Löcher. Ihr Garten ist zerschreddert. Kurz vor 20:00 Uhr hörte sie zunächst Geräusche. "Ich dachte, es wird ein Baum gefällt", sagt die Anwohnerin. Dann schaute sie aus dem Fenster. Tennisballgroße Hagelkörner kamen herunter. "Inferno", sagt sie nur. "Inferno einfach. Das hab ich noch nie erlebt." Rausgehen war nicht möglich. Wer es versuchte, kam mit dicken blauen Flecken wieder heim.
Wenige Meter weiter räumt Rachid Ikbal auf. Fünf bis sieben Zentimeter dicke Hagelkörner seien es gewesen. Alles hinüber: Autos, Dächer, Wintergarten. "Egal was", sagt er. Hagel habe er schon gekannt. "Aber so dicke Körner, das hab ich noch nie gehört."
Die Einfahrten des Ortes gleichen einem Schrottplatz. An fast jedem Auto ist die Windschutzscheibe zerborsten, die Karosserien sind verbeult. Eine Autofahrerin läuft aufgelöst um ihren Volkswagen herum. Keine Scheibe ihres Kleinwagens ist mehr heile. Glassplitter kleben an ihrer Haut. Sie ist zum Glück unverletzt. "Ich dachte nur, hoffentlich geht nicht auch noch meine Brille kaputt", sagt die Frau. Weiteren Autofahrern ergeht es ähnlich. Nachbarn und Verwandte kommen und helfen. Schieben das Auto zur Seite oder fahren es bis zum nächsten Parkplatz.
Die Eigengefährdung der Einsatzkräfte sei real gewesen, sagt Feuerwehrmann Renken. "Bei so starkem Hagel ist mit herabfallenden Ästen und umstürzenden Bäumen zu rechnen." Alle Feuerwehrkräfte in der Samtgemeinde Tostedt seien ehrenamtlich, betont er.
Die Leitstelle erkannte früh, dass eine einzelne Wehr die Lage nicht bewältigen konnte. Über die kommunale Einsatzleitung wurden weitere Kräfte alarmiert. Am Ende waren rund hundert Einsatzkräfte aus sieben Ortsfeuerwehren im Einsatz. Über dreißig Einsatzstellen wurden abgearbeitet. Verletzte gab es keine, vorsorglich angeforderte Rettungswagen kamen nicht zum Einsatz.
Das Unwetter traf Heidenau dabei mit bemerkenswerter Präzision. Andere Ortsteile der Samtgemeinde blieben weitgehend verschont, nur in Wistedt, rund dreieinhalb Kilometer Luftlinie entfernt, gab es einen weiteren Einsatz. "Es war ein sehr, sehr starkes lokales Ereignis", sagt Renken. "In einem Ausmaß, das in der Samtgemeinde Tostedt bisher nicht auftrat." Der Kern des Unwetters dauerte etwa eine halbe Stunde. Zunächst habe es zehn, fünfzehn Minuten getropft, berichteten ihm Anwohner. Dann öffnete sich der Himmel. Kaum war es vorbei, schien wieder die Abendsonne.
Peter Dörsam (parteilos), Samtgemeindebürgermeister von Tostedt, hat seinen Urlaub abgebrochen. Er steht in der Nacht auf dem Parkplatz vor der Grundschule und schüttelt den Kopf. "So ein Schadenereignis habe ich wirklich noch nie gesehen", sagt er. Hagelschäden kenne er aus dem Fernsehen, immer irgendwo weit weg. Aber hier seien praktisch alle Gebäude im Ort betroffen. Auch die Grundschule hat Schäden. Wie hoch der Gesamtschaden letztlich ausfalle, lasse sich noch nicht sagen. "Es wird sicherlich immens sein", sagt Dörsam.
Erste Schätzungen gehen von mehreren Millionen Euro Schaden aus. Einige Anwohner halten sogar einen Schaden von mehr als zehn Millionen Euro für realistisch. Dachdeckerkapazitäten würden knapp werden, sagt Dörsam. Wegen des einsetzenden Regens sei die Absicherung der offenen Dächer dringend.
Wilfried Kröger steht nach Mitternacht vor seinem Wohnhaus und zeigt auf sein Dach. Vorher war es dicht. "Jetzt ist es wie ein Schweizer Käse. Überall faustgroße Löcher." Durch die Decke lief Wasser, durch die Wände bis nach unten. "Es ist keinem was passiert. Das ist das Wichtigste", sagt Kröger. Dann lacht er kurz. Die Aufregung, die komme wohl morgen erst. Die ersten Dachdecker sind schon da. Mit einem Hubsteiger fahren sie zum Dach und legen eine Plane aus. Denn es hat schon wieder angefangen zu Regnen.
Traktoren fahren den ganzen Abend durch die Gassen. Handwerker und Dachdeckerbetriebe sind überall unterwegs. Nachbarn helfen Nachbarn. Feuerwehrmann Renken hat das von seiner Einsatzleitung aus beobachtet. "Man kennt sich, hilft sich", sagt er. Er sei zuversichtlich, dass die Dorfgemeinschaft diese Herausforderung gemeinsam wuppen werde.
