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Schwimmschulen: Wie es sich anfühlt, seit 10 Wochen nicht arbeiten zu dürfen

| Christan Zwengel | Wirtschaft
Ob Schwimmschulen im Juni wieder öffnen dürfen steht noch in den Sternen. | Foto: ein
Ob Schwimmschulen im Juni wieder öffnen dürfen steht noch in den Sternen. | Foto: ein

Gastbeitrag. Auch die Schwimmschulen sind durch die Coronabeschränkungen schwer getroffen. Seit zehn Wochen haben sie geschlossen. Christian Zwengel von der Schwimmschule Delphin aus Hamburg und Seevetal berichtet auf besser-im-blick, wie es aktuell aussieht:

Kurz für alle die mich nicht so gut kennen… im richtigen Leben führe ich, gemeinsam mit Familie Legahn, in Hamburg und im Seevetal eine große Schwimmschule. Wir haben zwei eigene kleine Schwimmbäder in denen wir jede Woche für über 1500 Kinder und Erwachsene Schwimmkurse und AquaFitness anbieten.

Seit dem 16.03.20 ist allerdings alles anders.

Durch den COVID-19 Ausbruch wurde auch uns, wie nahezu allen anderen Unternehmen, der Betrieb geschlossen, und wir konnten von einem auf den anderen Tag keine Kurse mehr anbieten.

Ich habe länger überlegt ob ich das hier schreibe, weil es eigentlich nicht so meins ist öffentlich zu jammern. Das löst dann ja auch unter Umständen Sorgen aus bei Leuten, denen ich eine Verantwortung gegenüber habe, wie z.B. meiner Familie oder meinem Team… Oder es stößt auf Unverständnis bei Leuten, die der Meinung sind dass es uns allen hier noch viel zu gut geht im Vergleich zu anderswo auf der Welt.

Letztlich bin ich aber zu dem Ergebnis gekommen, dass ich ja nur bewirken kann, wenn ich jemandem was davon erzähle. Ehrlich gesagt fühlt es sich so an, als wenn ich nicht mal hier etwas bewirken kann, aber so what….

Ich möchte Euch also einmal erzählen, wie es sich für mich anfühlt nicht arbeiten zu dürfen, wie es sich anfühlt seit fast 3 Monaten keinen Cent mehr „verdient“ zu haben…

Ich war es mein ganzes Leben lang gewohnt, dass meinem Verdienst auch eine ganz konkrete Leistung gegenüber steht, und das ist im Moment nicht so.

Oh… ich habe schon noch etwas Geld, denn zum Glück hatten wir in der Schwimmschule Rücklagen und eine ganze Reihe von fantastischen KursteilnehmerInnen, die uns weiterhin ihre monatlichen Raten überwiesen haben. Aber wir können grade dafür leider keinerlei Leistung bringen und häufen so einen Berg von Zeitschulden und letztlich auch Geldschulden an. Bis heute haben wir sicherlich schon einen mittleren sechsstelligen Betrag verloren an die Krise.

Aber damit habe ich gerechnet. Darauf hatten wir unternehmerisch bis Ende April eine sehr gute Antwort. Auch darüber hinaus haben wir eine Reihe von Plänen gemacht mit einer gewissen Substanz. Das ist nicht der Punkt.

Der Punkt ist, dass wir Stand heute, nach wie vor keinerlei Aussage darüber haben, wann und vor allem wie, wir in der Schwimmschule wieder Kurse anbieten können. Mindestens bis Ende Juni müssen wir in Hamburg noch warten. Weitere 4 Wochen. Mindestens. Aber zum Glück dürfen die Fitness Studios ab nächster Woche wieder öffnen und beim Globetrotter dürfen die Leute bis in den zweiten Stock an der Kassenschlange stehen…(Zynismusmodus aus).

Der Punkt ist, dass wir heute nach 10 Wochen, immer noch keinen Ansprechpartner in Politik und Verwaltung haben, der sich mit unserer Dienstleistung, unseren Kursen, unseren Konzepten auseinandersetzt und dann auch etwas entscheiden darf.

Der Punkt ist, dass an allen Ecken und Enden die Läden wieder öffnen, dass es Zeitpläne für Fitnessstudios gibt, Musikschulen wieder öffnen dürfen, Chöre wieder singen dürfen.

Der Punkt ist, dass ich nicht verstehen kann warum meine Schwimmschule nicht unter den gleichen Abstands- und Hygienerichtlinien wie viele andere, wieder wenigstens einen Betrieb mit Minigruppen, oder Einzelstunden machen darf. So wie die Sportstudios das auch wieder dürfen.

Ich fühle mich so dermaßen allein gelassen, ich kann das gar nicht in Worte fassen.

Ich fühle mich so dermaßen ungleich behandelt, dass ich mittlerweile nur noch mit dem Kopf schütteln kann.

Ich wälze von Morgens bis Abends die Allgemeinverfügungen von zwei Bundesländern in denen unsere Schwimmbäder stehen, um vielleicht eine neue Entwicklung für uns nicht zu verpassen. Ich telefoniere mit Gesundheitsämtern, Verwaltungen, etc.pp und ernte nur Schulterzucken…

Was ich gelernt habe in den letzten Wochen, aus allen Gesprächen mit den Leuten in der Verwaltung die ich dann doch mal erreicht habe ist: Es interessiert halt einfach keinen. Das es Schwimmschulen gibt, die mit Ihrem Angebot Geld verdienen müssen, hat anscheinend keiner auf dem Schirm.

Jeder verbindet mit dem Wort Schwimmschule sofort „Schwimmbad“. Und ein Schwimmbad ist logischerweise ein öffentliches Schwimmbad. Und das ist normalerweise für Kommune/Stadt/Land am billigsten, wenn es geschlossen bleibt.

Gegen diese Denke anzukämpfen, um überhaupt mal von jemandem ernst genommen zu werden der „etwas zu sagen hat“, ist so mühsam…. und mir bis heute nicht gelungen.

Ich habe auch kaum noch Kraft dafür übrig. Auch nicht, um mich selbst zu irgendetwas zu motivieren. Mal irgendwas „schönes“ zu machen, fällt unglaublich schwer. Und daraus Kraft zu tanken ist fast nicht machbar.

Ich glaube ich kann jetzt ein Stück besser verstehen, wie es jemandem gehen muss der überhaupt keine Perspektive hat. Der z.B. monatelang in einem Flüchtlingsheim sitzt ohne zu wissen wie es weiter gehen soll…
Im Vergleich dazu geht es mir in der Tat noch sehr gut, was allerdings nur ein kleiner Trost ist, gerade.

Ich hoffe inständig, dass wir diese Lage letztlich überstehen werden. Finanziell wie auch gesundheitlich. Wobei ich mir über Corona persönlich grade nicht so viele Sorgen mache, wie über meine emotionale Gesundheit… Denn die ist jetzt schon sehr deutlich angeschlagen.

Das nennt man dann wohl Kollateralschaden…

Cheers…

Info Christian Zwengel und die Schwimmschule Delphin

2020 05 30 schwimmschule delphin1Christian Zwengel *06.08.1974, leitet gemeinsam mit Uwe Legahn die Schwimmschule Delphin in Hamburg.
Bereits während seines Sportstudiums begann er 1996 als Schwimmlehrer in den Bereichen Babyschwimmen, Kinderschwimmen und Aquafitness zu arbeiten.
Im Jahr 2003 absolvierte er dann die Ausbildung zum Master-Aquapädagogen.
2007 trat er als Teilhaber in die Geschäftsleitung ein und leitet den Schwimmschul-Standort im Hamburger Alstertal. Neben seinen Schwimmkursen ist er hauptsächlich für die Bereiche Digitalisierung und Orga/Verwaltung verantwortlich.
Seit 2014 ist er außerdem im Bundesverband für Aquapädagogik BVAP als Schriftführer Mitglied des Präsidiums.

Mehr Infos: https://www.schwimmschule-delphin.de/

 

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