Trauer um Wolfgang Becker
Harburg. Ein Journalist sollte schlechte Nachrichten nicht an sich ranlassen, spätestens nach Dienstschluss sollte man sie abhaken. Aber diese Nachricht hat uns alle umgehauen: Wolfgang Becker ist gestorben – noch gar nicht so alt, kurz vor seinem 69. Geburtstag. Er hat so lange gekämpft. Chemotherapie, dann wieder Hoffnung, noch eine Chemo, und immer wieder Hoffnung. Ich war tiefbeeindruckt, seine Zuversicht war so überzeugend. Ich hatte jedenfalls nie das Gefühl, er wolle sich nur selber beruhigen.
Zugleich hat er mich unsicher gemacht. Mir war immer klar, dass ich Agnostiker bin. Also einer, der nicht wusste, ob es einen Gott gibt. Und ich war einer, der damit gut leben konnte. Als meine Frau erkrankte und ich nach jedem Strohhalm Hoffnung suchte, hat Wolfgang mich oft angesprochen und mir Hilfe angeboten. Er, der gläubige Christ, wollte mich allerdings nie bekehren. Seine Worte beruhigten mich und gaben mir immer wieder Hoffnung.
Wir kannten uns seit 1987. Wolfgang hatte sein Volontariat bei der „Lühmann’schen“ beendet und war Lokalredakteur. Ich hatte gerade beim Hamburger Abendblatt in Harburg angefangen. Für mich war Wolfgang natürlich ein Rivale. Wer hat welche Nachricht zuerst? Wer kennt die Hintergründe? Wolfgang hatte gewisse Vorteile, er war in Harburg aufgewachsen, hatte sein Abitur am Gymnasium im Göhlbachtal gemacht. Er kannte jeden, war bestens vernetzt. Und die Harburger vertrauten mehr den Harburger Anzeigen und Nachricht. Das Abendblatt war für sie der Eindringling, der womöglich Böses vorhatte.
Wolfgang ließ es mich spüren, dass das Abendblatt allenfalls zweite Wahl War. Er nannte die Harburger Rundschau, den Harburg-Teil des Hamburger Abendblatts, wegen seines gelegentlich geringen Umfangs immer nur den „Zettel“. Irgendwann erzählte mir jemand, dass Wolfgang in der HAN-Redaktion eine Dartscheibe aufgehängt hatte, auf der formatfüllend ein Porträt von mir zu sehen sein. Ob das wirklich stimmte, habe ich nie herausgefunden.
Es interessierte mich auch nicht. Aus den Rivalen von einst waren längst Kollegen geworden. Wenn einer mal bei einem Termin die Fotos verwackelt oder die damals neuen Digitalkameras nicht richtig bedient hatte, konnte man jederzeit den Kollegen von der anderen Zeitung anrufen und bekam mindestens dessen zweitbestes Foto.
Wolfgang und ich wurden Freunde. Wir sahen uns nicht jeden Tag, aber wir respektierten uns. Als die HAN dann 2016 eingestellt wurde, litt ich mit Wolfgang. Und ich freute mich, als er mit dem Wirtschaftsmagazin „Business und People“ eine neue Aufgabe gefunden hatte. Ich schrieb ihm mehrere Mal, dass dieses Magazin dank seiner Idee und dank seines immerwährenden Engagements zur Pflichtlektüre für den Hamburger Süden geworden war.
Ich freute mich auf, als er mit Gaby eine neue Partnerin gefunden hatte, langsam an den Ruhestand dachte und immer wieder auf Reisen war.
Als Wolfgang schließlich sein Talent als Edelfeder nutzte und das erste Buch herausgab, war ich richtig neidisch. Ich erzählte ihm von meiner Idee, unsere Erinnerungen an den journalistischen Alltag in Harburg gemeinsam aufzuschreiben. À la Waldorf und Statler. Die Harburger Muppet-Show. Daraus wird nun nichts mehr.
