Frauen müssen mehr Präsenz in der Politik zeigen - Ausstellung zur Gleichstellung bis zum 15. April im Kreishaus zugänglich
Winsen. Es scheint heute undenkbar: Erst 1958 strich der Bundestag das Letztentscheidungsrecht des Mannes in allen Eheangelegenheiten und sein Recht, ein Arbeitsverhältnis seiner Ehefrau fristlos zu kündigen. Denn das galt noch immer, obwohl bereits 1949 der Gleichberechtigungsgrundsatz im Grundgesetz verankert worden war. Doch auch dieser Grundsatz hätte es fast nicht in die Verfassung geschafft. Die vier Mütter des Grundgesetzes standen auf fast verlorenem Posten, und erst eine Protestwelle von Frauen brachte die Wende: Wäschekorbeweise schickten Frauen aus ganz Deutschland Postkarten nach Bonn. Ähnlich war es 1994, als der Grundgesetzartikel ergänzt wurde.
Seitdem hat der Staat die Aufgabe, die tatsächliche Gleichberechtigung zu fördern und auf die Beseitigung bestehender Nachteile hinzuwirken. All das zeigt eine Ausstellung im Kreishaus in Winsen. Andrea Schrag, die Gleichstellungsbeauftragte des Landkreises Harburg, hat sie mit Blick auf die Jubiläen 100 Jahre Frauenwahlrecht, 70 Jahre Grundgesetz und 25 Jahre Grundgesetzergänzung konzipiert.
Die Präsentation wurde zum Internationalen Frauentag eröffnet. Sie ist noch bis zum 15. April in der Lobby des Kreishauses B (Schloßplatz 6) zu sehen.
Die Schautafeln zeigen verschiedene Meilensteine auf dem Weg zur Gleichberechtigung - angefangen mit dem Frauenwahlrecht, das 1919 nach langem Kampf verwirklicht wurde. Doch auch heute noch liegt der Frauenanteil in den Gemeindeparlamenten bei durchschnittlich nur 25 Prozent, im Bundestag bei nur 30 Prozent. Sorge machen Andrea Schrag politische Kräfte, die rückwärtsgewandte Rollenbilder vertreten und die Gleichstellung von Frauen und Männern in Frage stellen. „Der Aufstieg rechtspopulistischer und nationalistischer Kräfte stellt uns vor Herausforderungen: Wo an demokratischen Errungenschaften geschliffen wird, stehen auch sicher geglaubte Frauenrechte wieder in Frage“, sagt die Gleichstellungsbeauftragte.
Umso wichtiger ist es, die Rechte zu verteidigen und am 26. Mai bei der Europawahl das Wahlrecht wahrzunehmen. „Die Gleichstellung von Frauen und Männern gehört von Anfang an zu den Grundwerten der Europäischen Union. Deshalb ist es jetzt wichtig, europäische Grundwerte zu verteidigen.“
Doch mehr Frauen sollten auch ihr Recht wahrnehmen, gewählt zu werden. „Mehr Frauen in den Parteien und den Parlamenten können die Debatten- und Entscheidungskultur positiv voranbringen“, sagt Andrea Schrag. „Wir müssen Frauen deshalb darin bestärken, Präsenz zu zeigen und deutlich zu machen, dass Politik keine Männersache ist.“ Eine Unterstützungsmöglichkeit könnten Mentoring-Programme wie „Frau. Macht. Demokratie“ sein.
Auch darüber informiert die Ausstellung und zeigt auf, wie im neuen Mentoring-Programm für die Kommunalwahlen 2021 eine erfahrene Politikerin als Mentorin oder ein erfahrener Politiker als Mentor eine interessierte Frau bei ihrem Einstieg in die Politik unterstützen. Begleitet wird das Mentoring-Programm von den Gleichstellungsbeauftragen vor Ort, die ebenfalls als Ansprechpartnerinnen zur Verfügung stehen.