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75 Jahre nach Kriegsende: Freilichtmuseum zeigt, wie Flüchtlinge, Heimkehrer, Landbevölkerung und britische Soldaten den Alltag erlebten

| Life
Essen in der Nissenhütte der Nachkriegszeit, 1945. | Foto: ein
Essen in der Nissenhütte der Nachkriegszeit, 1945. | Foto: ein
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Ehestorf. Der Krieg war zu Ende – die Unsicherheit immer noch groß. Das Freilichtmuseum am Kiekeberg veranstaltet am 23. und 24. Mai 2020 das Living-History-Wochenende „1945. Der erste Sommer im Frieden“. 75 Jahre nach Kriegsende zeigt das Museum damit den Alltag der einfachen Bevölkerung im ersten Nachkriegssommer. 60 geschichtlich versierte Darsteller aus allen Teilen Deutschlands und den Niederlanden schlüpfen in die Rollen von Flüchtlingen aus Pommern und Königsberg, von heimkehrenden Soldaten, Magd und Großvater auf dem Marschenhof und in die Rolle von britischen Soldaten, die das Chaos im Nachkriegsdeutschland regeln sollen.

Besucher sehen im Museum die Ankunft eines Flüchtlingstrecks aus Pommern, der von britischen Soldaten kontrolliert wird, erleben die Enge in Fischerhaus und Hof Meyn mit ihren Einquartierungen, die ärztlichen Untersuchungen vor aller Augen, die Entnazifizierungen und alltäglichen Schwierigkeiten im Umgang mit den Fremden. Ausweiskontrollen für den Besuch beim Nachbarn, das Sprachwirrwar zwischen Englisch, Plattdeutsch und Schlesisch, die Suche nach Vermissten und das Ringen um Nahrungsmittel gehören dazu.

Außerdem, auch in der Not, gibt es kleine Fluchten: Da sind zum Beispiel eine Skatrunde im Gasthof oder ein Boxkampf der Soldaten. Die Besucher befinden sich mitten in der Szene am Kiekeberg in Ehestorf, sie stehen neben dem Arzt, hören die Bäuerin über die Soldaten schimpfen oder den Fischer, der seine jungen Töchter ermahnt: „Geht nicht raus, man weiß ja nie, bei den vielen Fremden.

Mit der Darstellung „1945. Der erste Sommer im Frieden“ füllt das Freilichtmuseum am Kiekeberg eine Lücke in der allgemeinen Geschichtsvermittlung: Es zeigt die Zeit von Mai 1945 bis zum Hungerwinter 1946/1947. Wie ging es den Menschen vor Ort? Was bedeutete es, ohne Besitz neu anzufangen? Was, das eigene enge Heim mit fremden Menschen zu teilen? Wie konnten Gesetze durchgesetzt werden, ohne funktionierende Gerichtsbarkeit und in einer fremden Sprache? Woher kamen die Lebensmittel, was war mit der Krankenversorgung, mit Schulen? Wie funktionierte – kurz gesagt – das Leben an sich?

Unsere große Stärke ist: Wir zeigen, was nicht im Geschichtsbuch steht“, erläutert Museumsdirektor Stefan Zimmermann. „Wir blicken auf den Alltag der Bevölkerung auf dem Land. So wird Geschichte begreifbar, und unsere Besucher können sich die Vergangenheit besser vorstellen.“ Das funktioniert sehr gut bei den regelmäßigen Darstellungen der Gelebten Geschichte am Kiekeberg, die um 1804 und 1904 spielen.

Im vergangenen Jahr haben wir bereits ein Wochenende im Sommer 1945 dargestellt. Wir sind sehr beeindruckt von der Professionalität der Darsteller, die historisch hundertprozentig korrekt sind. Und unsere Besucher erleben das ebenso: Es gab Personen aus der Erlebnisgeneration, die bestätigten, dass sie als Kind genau diese Erfahrungen gemacht haben“, erinnert sich Stefan Zimmermann. „Es war bewegend und erhellend zugleich. Ein unerwarteter Nebeneffekt: Unsere Besucher kamen über Generationen hinweg ins Gespräch. So funktionieren Geschichtsvermittlung und Begegnungen zwischen den Generationen.

Die Nachkriegszeit ist besonders für den Landkreis Harburg prägend: Er nahm besonders viele Zuziehende auf. Ausgebombte Hamburger kamen bereits 1943 und hofften auf eine schnelle Rückkehr in ihre Stadt. Flüchtlinge und Vertriebene aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten fanden hier und in den angrenzenden Landkreisen einen Ort, der ihnen Sicherheit versprach und ihrer Heimat landschaftlich sehr ähnelte. Viele von ihnen zögerten, weiter zu ziehen: Sie wollten sich nur kurzzeitig im Westen Deutschlands aufhalten und so schnell wie möglich wieder nach Hause zurückkehren.

So nahm der Landkreis Harburg überproportional viele Menschen auf: Wohnten hier 1939 noch 62.602 Menschen, waren es zehn Jahre später bereits 124.397. „Aufgrund der verkehrsgünstigen Lage und der Zuzugsbeschränkungen in Hamburg sowie der Nähe zur Sowjetischen Besatzungszone stieg die Zahl auch in den folgenden Jahren weiter“, erläutert Stefan Zimmermann. Das bedeutete zum einen starke Bemühungen bei Integration und Ausbau von Wohnraum und Infrastruktur. Die neuen Bewohner belebten andererseits die Region, mit neuen Ideen und einem starken Aufbauwillen.

Die Veranstaltung „1945. Der erste Sommer im Frieden“ findet im Rahmen des Großprojekts „Königsberger Straße“ statt: Das Freilichtmuseum am Kiekeberg errichtet in den kommenden Jahren Gebäude, die typisch für das Leben in der Nachkriegszeit sind und bis heute das Erscheinungsbild von Dörfern in ganz Deutschland prägen. Die Notunterkunft, eine sogenannte Nissenhütte, und eine 1950er-Jahre-Tankstelle stehen bereits. Siedlungshäuser, ein Quelle-Fertighaus und eine Ladenzeile werden folgen. „Die Umbrüche in dieser spannenden Zeit betreffen jeden Dorfbewohner“, sagt Museumsdirektor Stefan Zimmermann. „Wir stellen dar, wie Einheimische, aber auch Neubürger die Aufbauzeit erlebten.“

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