Menschen. Fakten. Meinungen. | Mein Freund der Baum
Liebe Leserinnen und Leser,
Harburg Stadt und Land entwickeln sich stetig – wirtschaftlich, politisch, kulturell. Und das auch oftmals sehr dynamisch.
Zeit also, einmal diejenigen zu Wort kommen zu lassen, die hinter dieser Entwicklung stehen. Unternehmer aus der Region, Politiker, die die Weichen stellen oder diejenigen, die kulturell gestalten als Vereine oder zum Beispiel Theater.
Deshalb wollen wir in unserer Kolumne „Menschen.Fakten.Meinungen.“ diesen Menschen in unserer Region ein Forum bieten. Wir schreiben nicht vor, welchem Thema sie sich annehmen oder was sie dazu zu sagen haben. Hier geht es darum, sie zu Wort kommen zu lassen.
Dieses Mal schreibt Prof. Dr. Rainer-Maria Weiss für "Menschen- Fakten. Meinungen.". Er ist Direktor des Archäologischen Museums Hamburg und des Stadtmuseums Harburg.
Mein Freund der Baum
Manche Freunde verabschieden sich mit großer Geste, andere gehen leise durch die Hintertür. Man nennt das einen französischen oder auch polnischen Abgang, in Polen nennt man ihn englisch. Es schleichen sich also immer die anderen davon.
Fast unbemerkt hat sich dieser Tage ein sehr alter Freund in Harburg verabschiedet, leider in die ewigen Jagdgründe, wie Karl May sagen würde. Zutreffender dürfte die Wegbeschreibung „durch den Schornstein“ sein. Keine Sorge, er hinterließ keine Trauergemeinde im Krematorium, aber doch eine große Lücke. Nun ist Harburg nicht gerade arm an Lücken, eine mehr oder weniger sollte daher nicht schmerzhaft sein. Bauliche Lücken allerdings schmerzen, vor allem wenn sie da entstehen, wo Bauplaner und Investoren historische Denkmäler abreißen möchten.
Den Abbruch des halben Harburger Schlosses konnten selbst Bürgerinitiativen 1972 nicht verhindern. Seither ist aber nicht nur das Denkmalschutzamt wachsamer, sondern auch das Bezirksamt, Anwohner und engagierte Bürger. Ihnen ist der Erhalt der historischen Likörfabrik Hilke am Karnapp zu verdanken oder der Kammfabrik an der Nartenstraße. Anderes wiederum steht zwar unter Denkmalschutz, kann aber nicht mehr gerettet werden, wie der Turm der Johanniskirche, über den lange verhandelt und gekämpft worden ist.
Welche Lobby, welchen Denkmalwert hat aber ein alter Baum? Jetzt liegt er da, gewaltig, groß, fein portioniert und sehr tot. Neben der Dreifaltigkeitskirche, am Ende der Kleinen Gasse, die genau dort auf den Carl-Ihrke-Weg stößt, wurde dieser Tage ein Baumriese gefällt, den schon Carl Ihrke vor über 50 Jahren gezeichnet hatte. Unverändert erkennt man den Baum auf Fotos aus den Nachkriegstagen, wo er in einer wunderschönen Baumreihe die Kriegsruine der alten Dreifaltigkeitskirche zu betrauern scheint.
In unserer Museumssammlung fand ich weitere Fotos, auf denen dieser Baum scheinbar alterslos immer gleich aussieht und immer schon da ist. Er hat den Krieg überstanden, er flankiert bereits 1911 das einstige Museumsgebäude, das dort heute noch steht. Das älteste Bild im Museum zeigt ihn wieder mit der Kirche im Hintergrund, es ist rund 120 Jahre alt, und den Baum erkennt man sofort, er ist also viel viel älter. Nun musste er altersschwach gefällt werden, und niemand scheint ihn zu vermissen. Die frühen Fotografen und Carl Ihrke haben ihm aber ein Denkmal gesetzt, und ich hoffe sehr, dass seine Lücke bald mit einem hoffnungsfrohen jungen Baum gefüllt wird. Dessen Vorgänger, der alte Freund, hat es verdient.
