Kulturkampf nun auch in Harburg?
Harburg. Es hat gedauert, aber seit Anfang des Jahres schmückt sich der Bezirk mit dem Kulturentwicklungsplan. Er soll die Harburger Kulturszene noch besser vernetzen, ihre Unterstützung sichern und manch Neues „ermöglichen“. Der Plan hat das Zeug, Modell für die anderen sechs Hamburger Bezirke zu werden.
Doch nun sorgt ein Brief des Vorsitzenden der Bezirksversammlung Harburg Holger Böhm (SPD) für ein böses Erwachen. Böhm hat den Kulturschaffenden zunächst ein wenig Honig um die Bärte geschmiert und festgestellt, sie leisteten „einen wichtigen Beitrag für das Gemeinwohl und die Lebensqualität in Harburg“. Dann aber der Hammer: Das Geld sei knapp, die Zahl der Anträge sei gestiegen und deshalb werde es künftig nur noch „Anschubfinanzierungen“ geben.
Mit anderen Worten: Träger oder Einrichtungen, die schon mehrfach und über mehrere Jahre für das gleiche Projekt fördert worden sind, sollen künftig leer ausgehen. Böhm: „Das entspricht den geltenden Förderrichtlinien. Wir wollen künftig vor allem neue Projekte und innovative Ansätze auf den Weg bringen.“
SuedKultur, das lockere Bündnis Harburger Kulturschaffenden, das in vielen Sitzungen gemeinsam mit Politik und Verwaltung den Kulturentwicklungsplan aufgestellt hat, ringt um Fassung. „Der Begriff der Anschubfinanzierung impliziert eine spätere wirtschaftliche Selbsttragfähigkeit“, sagt Solveig McCaughtrie von der „Kunstkarawane“, die seit Jahren zur „offenen“ Werkstatt in Harburger Wohnunterkünften und anderen Einrichtungen einlädt. Im Bereich der sozialen Daseinsvorsorge, insbesondere in sozial hoch belasteten Quartieren, sei dies jedoch nicht durchführbar. McCaughtrie: „Die Rendite unserer Arbeit liegt in der langfristigen Sicherung des sozialen Friedens und der Integration.“ Werte, die eine dauerhafte öffentliche oder andersartige Unterstützung erfordern.
Im „Tiefgang“, dem Kulturfeuilleton des Hamburger Südens, wird ein Anonymus deutlich. Er nennt sich sinnigerweise Claus Ewitz, ein Pseudonym das unschwer erkennbar an den Heeresreformer Claus von Clausewitz und seine meistzitierte These erinnert: „Der Krieg ist eine bloße Fortsetzung der Politik mit anderen Mitteln.“
Ewitz versteht den Böhm’schen Brief als Kampfansage: „Über Jahre hinweg saßen Politiker, Verwalter, und Kulturschaffende am Runden Tisch zusammen. Man entwarf Visionen, priorisierte Handlungsfelder und feierte die Kooperation als neues Zeitalter der Ermöglichung.“ Doch nun, im Februar 2026, scheine das politische Gedächtnis eine fatale Lücke aufzuweisen. Holger Böhm, verschicke Briefe, die die bisherige Förderung kurzerhand zur bloßen Anschubfinanzierung umdeuten.
Der Verweis auf die Förderrichtlinie für Gestaltungsmittel wirke dabei wie eine bürokratische Nebelkerze. Zwar werde dort von innovativen Ansätzen gesprochen, doch der Geist des Kulturentwicklungsplans ziele gerade auf die Stärkung vorhandener Strukturen ab. Wie sollen eine Kulturkoordination oder ein Raummanagement Früchte tragen, wenn der Boden, auf dem sie wachsen sollen, systematisch ausgetrocknet wird? Ewitz: „Ich halte das für eine Einschüchterungstaktik, die jene bestraft, die über Jahre hinweg ehrenamtlich das Rückgrat der Harburger Identität gebildet haben.“
Der nächste Schritt: SuedKultur ruft zu einer „Unmutsbekundung“ in der Sitzung der Bezirksversammlung, morgen 17:30 Uhr, im Rathaus Harburg.
