Blick zurück auf Harburg 2023: Manchmal versagt der freie Markt
Harburg. Zum Jahresbeginn schaut besser-im-blick zurück auf das vergangene Jahr. War 2023 ein gutes Jahr für Harburg? Was war wichtig, was eher nicht? Wichtig für die Bürgerinnen und Bürger sind vor allem die Themen Wohnen und Mobilität: Deshalb konzentrieren wir uns in der ersten Folge unseres Rückblicks auf diese beiden Themen. In der zweiten Folge werden wir Ideen und Visionen für Harburg betrachten und uns darum kümmern, welchen Einfluss die Bürgerinnen und Bürger auf das haben, was in Harburg passiert.
Beim Wohnungsbau geht es voran
Ist Wohnungsbau wichtig? Na, klar! Vor allem für die, die keine Wohnung haben oder die ihre Miete nicht mehr zahlen können. Da sagt Bezirksamtsleiterin Sophie Fredenhagen kurz vor Weihnachten: „Wir kommen gut voran!“ Bis November seien im Bezirk mehr als 800 Wohnungen fertiggestellt worden. im Fischbeker Heidbrook, am Neugrabener Bahnhof oder im Harburger Binnenhafen und am Harburger Wochenmarkt. Einige davon sind durchaus bezahlbar. Nach Angaben der SAGA bezahlen Mieter in den Wohnungen im Heidbrook eine Anfangsmiete von 6,90 Euro pro Quadratmeter.
Ganz anders stellt CDU-Mann André Trepoll die Situation dar. Der fleißigste aller Bürgerschaftsabgeordneten aus dem Hamburger Süden beim Schreiben von Senatsanfragen sieht dagegen ein „sattes Minus“ beim Wohnungsbau – und das nur ein paar Wochen nach der positiven Bilanz von Sophie Fredenhagen. Im Bezirk seien nur 578 neue Wohnungen fertiggestellt worden. Was dabei übersehen wird: Trepoll hatte vom Senat die Zahlen von 2022 bekommen, Fredenhagen lagen dagegen schon die Zahlen bis November 2023 vor. Okay, das ist Statistik. Interessanter wird es bei der Frage, ob Wohnraum bezahlbar ist oder nicht. Und da beklagt Trepoll vor allem den starken Rückgang beim Bau von Einfamilienhäusern.
Ein Zeichen gegen Immobilienspekulation setzen
Wichtig für den Bezirk war 2023 vor allem die Entscheidung des Senats, endlich ein Zeichen gegen Immobilien-Spekulationen zu setzen und zu versuchen, die nicht mehr genutzte Karstadt-Immobilie in Harburgs Zentrum zu kaufen und damit auch Einfluss auf die künftige Nutzung zu haben. Noch ist der Kauf nicht „in trocknen Tüchern“. Erkennbar ist aber der Plan des Senats, Spekulanten die Zukunft Harburgs nicht ganz zu überlassen. Wie kann es denn angehen, dass in der ehemaligen New-York Hamburger Gummiwaaren Compagnie und dem benachbarten ehemaligen Bahngelände (Neuländer Quarree) die Pläne für den Bau von bis zu 1.000 Wohnungen auf Eis liegen, während sich die wechselnden Eigentümer der Immobilien mit Hilfe von Bilanzgewinnen die Taschen vollstopfen? Der Markt werde es schon richten, heißt es dann gelegentlich. Aber bei der Gestaltung eines attraktiven Eingangsportals für das Innovationsquartier Channel Hamburg versagt der Markt seit mehr als 15 Jahren. Fazit: Die Wohnungsbau-Bilanz des Bezirks fällt besser aus als befürchtet.
Verkehr ist wichtig – und verbesserungsbedürftig
Verkehr ist auch wichtig! Gerade in Harburg! Wie komm ich in meinem Quartier von A nach B, wie komm ich zur Arbeit? Wie komm ich zuverlässig über die Elbe „nach Hamburg“? Und das Ganze möglichst so, dass es spätestens 2035 klimaneutral ist. Die Prediger der Verkehrswende wissen die Lösung: weniger Autos, mehr Carsharing, mehr ÖPNV, mehr Fahrrad. Dass man die meistgenutzte S-Bahnstrecke Hamburgs nicht einfach sich selbst überlassen kann, hat man in der Verkehrsbehörde inzwischen verstanden. Schöne Worte helfen nicht gegen eine vernachlässigte Infrastruktur. Zudem: Die Strecke zwischen Harburg und Hamburg wird immer ein Nadelöhr sein – solange sie nicht redundant ausgelegt ist. Eine „Person auf Gleis“ reicht, den ganzen Hamburger Süden und das benachbarte westliche Umland lahmzulegen. Visionen einer U-Bahn nach Harburg oder einer weiteren Elbtunnelröhre für den S-Bahn-Ring werden realistisch nicht vor 2050 umgesetzt werden. Mit anderen Worten: Es wird schwer, den Hamburger Süden jetzt von den Vorteilen der Verkehrswende zu überzeugen.
Bei den Radfahrenden (gibt es dafür nicht ein eleganteres Wort?) ist die Wende schon einen Schritt weiter. Die Velorouten 10 und 11 fressen sich Meter für Meter durch die autogerechte Infrastruktur Harburgs und sorgen gelegentlich für unfreiwillige Komik. Zum Beispiel, wenn der Senator für Verkehr und Selbstdarstellung und Bezirkschefin Sophie Fredenhagen mit fliegenden Haaren über ein paar hundert Meter Protected Lane radeln– gefilmt von einer eigens beschafften Drohne. Ein Imagefilmchen halt! Oder wenn die für den Binnenhafen zuständigen Beamten des Wasserschutzpolizeikommissariats 3 von 38-Tonnern berichten, die ihnen auf der Veloroute 10 entgegenkommen, weil ihnen an einer Einmündung die Verkehrsführung nicht ganz einsichtig war und sie Radweg und Fahrbahn verwechselt haben.
Keine Frage: Die Verkehrswende ist notwendig, mehr denn je. Der Umbau des ZOBs und der benachbarten Kreuzung wird den Straßenverkehr im Harburger Zentrum aber für viele Jahre schwer beeinträchtigen. Hinzu kommen offenbar Planungsfehler und Verzögerungen, die alle Zeitpläne über den Haufen werfen. Ob das alles die Autofahrer scharenweise in die Arme des ÖPNV treibt (und damit die Verkehrswende vorantreibt), sei mal dahingestellt. Zumal wegen des notwendigen Ersatzes mehrerer Elbbrücken 2024 auch im ÖPNV mit längeren Streckensperrungen zur rechnen ist. Unter dem Strich bleiben unter anderem extreme Belastungen für den Wirtschaftsverkehr, egal ob im Transit oder bei örtlichen Lieferdiensten und Just-in-time-Lieferungen von Rohstoffen für das produzierende Gewerbe.
HVV Hop sticht hervor
Die Verkehrsbilanz für 2023 strahlt dennoch, weil der HVV Hop einzigartig gut angenommen worden ist. Wahrlich eine sinnvolle Ergänzung des ÖPNV mit der auch Harburgs Taxifahrer leben können. Mindestens eine Bushaltestelle muss nämlich in der bestellten Route enthalten sein. Ob das in Wirklichkeit immer eingehalten wird? Schwamm drüber! Und eine virtuelle Haltestelle am Harburger Wochenmarkt würde die Attraktivität des Hops weiter erhöhen und zugleich helfen, eine Perle Harburgs zu polieren.
In der nächsten Folge blicken wir auf Ideen und Visionen für Harburg und welchen Einfluss Bürgerinnnen und Bürger auf die Gestaltung Harburgs haben.
